Wie steuert das Gehirn unser Verhalten?

Seit Generationen beschäftigt diese Frage die Wissenschaft. Verschiedene Disziplinen erforschen das menschliche Verhalten und haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele Erkenntnisse beigetragen. Zu nennen sind hier insbesondere die Bereiche Anthropologie, Psychologie, Psychoanalyse, Soziologie, Philosophie und Neuroanatomie. Das Verhalten des Menschen ist aus unterschiedlichsten Perspektiven und unter den verschiedensten Rahmenbedingung beobachtet, dokumentiert und beschrieben worden. Unsere „Hardware“, das Gehirn und seine Nervenbahnen, ist ebenfalls seit Jahren Gegenstand intensiver Forschung. Dank moderner bildgebender Verfahren ist es heute möglich, Prozesse im Gehirn sichtbar zu machen, während Verhalten stattfindet. Was allerdings bis heute fehlt, ist eine Theorie, die beide Seiten miteinander verbindet und die Erklärung dafür liefert, wie das Gehirn unser Verhalten generiert. Das „Psychische“ gilt bislang als die große Black Box der modernen Gehirnforschung. Gerade die Psyche bestimmt jedoch maßgeblich unser Handeln. Im Folgenden soll es deshalb darum gehen, Verständnis über die Funktion der menschlichen Psyche zu erlangen, aus der neuroanatomischen Struktur des Gehirns auf dessen Funktion zu schließen und eine integrierte Theorie zu entwickeln, welche die psychischen Funktionalitäten der menschlichen Verhaltenssteuerung umfassend berücksichtigt. Hiermit lade ich Sie ein zu einem spannenden Exkurs in die phantastische Welt des Empfindens und Fühlens, des Wahrnehmens, Denkens und Handelns. Bitte folgen Sie mir auf eine Reise in unser Gehirn!

Sonntag, 21. März 2010

Wie alles begann

Mein Interesse an der Psychologie wurde geweckt, als ich vor einigen Jahren ein Buch ("Ich bin Viele" von Joan Fr. Casey und Lynn Wilson) zum Thema "Dissoziative Identitätsstörung DIS", besser bekannt unter dem mittlerweile veralteten Begriff "multiple Persönlichkeitsstörung MPS" gelesen habe.

Eine junge Frau steht am Fenster und spürt den Wunsch in sich aufsteigen, einfach hinaus zu springen. Sie kann sich den Grund für ihre Selbstmordgedanken nicht erklären und sucht deshalb Hilfe bei einer Therapeutin. Deren Diagnose lautet "Multiple Persönlichkeit". Die beiden Frauen begeben sich nun gemeinsam auf einen langen Weg... "In Joan Frances Caseys Buch berührt einen sowohl der außergewöhnliche Mut der Patientin wie die Hingabe einer Therapeutin und deren Überzeugung, daß die Persönlichkeit dieser jungen Frau, so zerstört sie auch sein mag, in einer liebevollen therapeutischen Beziehung die Kraft hat, sich zu integrieren und wieder ganz zu werden." (New York Times Book Review., Quelle: Amazon.de)

Es ergab sich, dass ich kurz darauf in einem Internetchat eine Frau kennen lernte, die von dieser Persönlichkeitsstörung betroffen ist und deren Identitäten im Verlaufe unserer Unterhaltung stilistisch deutlich erkennbar wechselten. Kurze, wohlüberlegte Sätze mit korrekter Rechtschreibung, Interpunktion und Grammatik wechselten ab mit Passagen ohne Interpunktion, kompletter Kleinschreibung und erheblichen sprachlichen Defiziten. Auf diese Wechsel angesprochen, gestand sie mir, bereits seit einigen Jahren positiv auf DIS diagnostiziert zu sein, und begann, mir ihre Geschichte zu erzählen. Nach und nach lernte ich ihre drei Alter-Egos kennen und bekam Gelegenheit, mich mit jeder einzelnen (alle drei waren weiblich identifiziert) zu unterhalten und ihre jeweils ganz individuelle Lebensgeschichte zu erfahren.
Mich hat das damals in einem Maße fasziniert, dass wir uns über Tage und Wochen nahezu täglich im Chat trafen. Ich lernte diese Frau mit ihren drei Persönlichkeiten kennen und wollte sie verstehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinerlei psychologische oder psychoanalytische Vorkenntnisse oder Erfahrungen, außer eben das o.g. Buch gelesen zu haben. Worauf ich darüber hinaus zurück greifen konnte, war mein ehrliches Interesse für andere Menschen und das, was man im Allgemeinen einen „gesunden Menschenverstand“ nennt.

In den nächtelangen Sitzungen schilderten die drei mir ihre Erlebnisse von Kindesmissbrauch und Gewalt in der Familie und auch später in ihren Beziehungen zu Männern, erläuterten mir ihre spezifischen Aufgaben in der Bewältigung des Alltags und gewährten mir tiefe Einblicke in ihre jeweils höchst individuellen Beziehungen zu anderen Menschen, wie auch untereinander. Stets war ich bemüht, alle drei in ihrem Sein als jeweils vollwertige Menschen anzunehmen und vor allem auch ernst zu nehmen. Im Nachhinein betrachtet war dies die Grundlage für ihr tiefes Vertrauen und ihre vorbehaltlose Offenheit mir gegenüber.
Während unserer abendlichen Chats fertigte ich handschriftliche Skizzen und Pfeildiagramme an, um mir die Struktur ihrer drei Persönlichkeiten klar zu machen und mir einen Überblick über das System ihrer Innen- und Außenbeziehungen zu verschaffen. Wer kam wann raus? Wer machte welche Aufgaben? Wer kommunizierte mit wem auf welche Weise? Wer hatte welche Eigenschaften? Wer hatte welche Fähigkeiten? Wie arbeiteten die drei zusammen? Welche Probleme traten auf? Wer verschwand wann nach innen? Was waren die Auslöser... die spezifischen Trigger für diese Wechsel?

Eines Abends bekam ich Besuch von einer guten Freundin. Sie arbeitet selbst als Psychotherapeutin. Natürlich erzählte ich ihr von meiner Bekannten und meinen ersten Schritten in der Psychoanalyse. Auf dem Wohnzimmertisch lagen noch vom Vorabend meine zahlreichen Skizzen herum, von denen sie sich spontan an das Strukturmodell der Psyche von Sigmund Freud (mit dem ich mich nie zuvor beschäftigt hatte) erinnert sah. Offenbar entsprachen die Charakterisierungen der Anteile und ihrer Eigenschaften in meinen Skizzen ungefähr der Freudschen Aufteilung der drei Instanzen in Über-Ich, Ich und Es. Also ging ich in den nächsten Buchladen und kaufte mir „Das Ich und das Es" von Sigmund Freud.
Tatsächlich fand ich in der Theorie Freuds, die ich begeistert studierte, eine sehr große Übereinstimmung mit meinen Entwürfen, aber doch auch einige Widersprüche, deren auffälligster darin bestand, dass Freud den Sexualtrieb zusammen mit den Emotionen im Es verortet hatte. Das war in meinem Modell nicht der Fall. Sexualität und Emotionalität (Angst und Trauer) waren bei meiner Internet-Bekanntschaft auf zwei verschiedene Anteile aufgeteilt!
Übertragen auf die drei Freudschen Instanzen hatte ich daher die Emotionen dem Es zugeordnet und die Sexualität dem Ich. Das Über-Ich war der Träger des Co-Bewusstseins und hatte im Laufe der Jahre gelernt, im Hintergrund stets „dabei“ zu bleiben, so dass es ca. ab ihrem 17. Lebensjahr kaum noch zu den DIS-typischen Amnesien kam, wobei die drei Anteile nach wie vor weitgehend unabhängig agierten. Vor ihrem 17. Lebensjahr konnte sich jeder ihrer Anteile stets nur an das erinnern, was er selbst erlebt hatte. Es gab also offenbar wechselnde Zustandsänderungen der Persönlichkeit, die mit Bewusstseinszuständen in Korrelation standen.

Freud war anfänglich der Auffassung, dass die sexuellen Triebe aus dem Es von einem bewusst handelnden Ich verdrängt würden, sobald die "Triebabfuhr" in Konflikt gerät mit den Erwartungen einer sexualfeindlichen Außenwelt ("Lustprinzip" versus "Realitätsprinzip"). Erst später führte er das Über-Ich als moralische Instanz ein und sah fortan das ebenfalls bewusste Über-Ich als zuständig für die Verdrängung der Triebe an. Die Idee, dass ein bewusstes Über-Ich möglicherweise ein vorbewusstes sexuelles Ich verdrängen und auf diese Weise am sexuellen Handeln hindern könnte, ist ihm offenbar nicht gekommen. Rückblickend halte ich dies für eine wesentliche Fehleinschätzung, die darin begründet liegen mag, dass Freud auch später noch der Meinung war, der Mensch sei ein bewusst handelndes Wesen. Aus seiner praktischen Arbeit mit den „Hysterikerinnen“ wusste er zudem, dass es möglich war, „sexuelle Strebungen“ bewusst zu verdrängen, so dass sie fortan unbewusst blieben. Es gab für Sigmund Freud daher keine Alternative, als die „Sexualtriebe“ im Es zu verorten

Aus der aktuellen Hirnforschung wissen wir, dass das Bewusstsein dem Handeln folgt. Der motorische Kortex im Frontallappen des Großhirns folgt in seiner Aktivierung mit messbarer Zeitverzögerung den unmittelbar handlungsauslösenden Hirnstamm-Regionen. Die Reaktion der Muskeln auf den Handlungsimpuls erfolgt ebenfalls mit einer Zeitverzögerung, da der Impuls über das Rückenmark zunächst zu den Muskeln übertragen werden muss. Der Beginn einer Handlung und das Bewusstsein der Handlung erfolgen auf diese Weise beide zeitverzögert, aber synchron. In unserem Bewusstsein entsteht auf diese Weise der Eindruck, Handlungsentscheidung und Handlung würden zeitgleich erfolgen. Tatsächlich geht die Handlungsentscheidung der Handlung voraus, und die Handlung erfolgt zeitgleich mit dem Bewusstsein.
Demnach handelt das Ich vorbewusst, und das Über-Ich kontrolliert dieses Handeln bewusst. Die Dualität des Libido-Begriffs löst sich auf diese Weise auf, weil keine Unterscheidung in Lebensenergie einerseits und Sexualenergie andererseits mehr notwendig ist. Es gibt nur noch eine Libido im Sinne einer allgemeinen Handlungsenergie des Ichs. Inwieweit das Handeln des Ichs eine sexuelle Konnotierung erfährt, oder nicht, wird darüber hinaus hormonell gesteuert und soll an dieser Stelle nicht Gegenstand der Überlegung sein.
Es lassen sich aber weitere Schlussfolgerungen ziehen: Wenn das Ich grundsätzlich vorbewusst handelt, besteht kein Anlass mehr, dem Es „unbewusste Triebregungen“ und damit einen Anteil am unbewussten Handeln zu unterstellen. Denn unter der Annahme eines vorbewusst handelnden Ichs besteht durchaus die Möglichkeit, dass dieses Handeln einem situationsbedingt inaktiven Über-Ich nicht bewusst wird und somit auch nicht nachträglich erinnert werden kann.
Zudem: Wenn das Ich vorbewusst handelt und das Über-Ich dieses Handeln bewusst kontrolliert: Wer trifft dann eigentlich unsere Entscheidungen?

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